Das große Spiel

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 „Der polnische Boxer“ von Eduardo Halfon ist ein „Roman in zehn Runden“, ein verblüffendes Vexierspiel mit Autobiographie und Fiktion.

Im ersten ins deutsche übersetzten Roman von Eduardo Halfon ist alles Ungewissheit. „Der polnische Boxer“ sei ein „Roman in zehn Runden“, doch beim Blick ins Kleingedruckte wird deutlich, dass der Text aus drei separaten Veröffentlichungen zusammengesetzt wurde: der Teil „Die Pirouette“ erschien ursprünglich als eigenständige Erzählung, „Sonnenuntergänge“ wird als Kapitel des noch erscheinenden Bandes „Monasterio“ gekennzeichnet. Postmoderne Baukastenliteratur also? Kann eine spannende Erzählung herauskommen, wenn jemand einfach die Texte aneinanderreiht? Oh ja, allerdings, denn „Der polnische Boxer“ ist ein Buch, wie man es sich wünscht, randvoll mit Geschichte und Geschichtchen, tragisch, tiefgründig, humorvoll, absurd und äußerst sinnlich. Und dennoch sind Zweifel angebracht, ob ein Großteil der in diesem Buch erzählten Ereignisse jemals geschehen ist.

Mit Wahrheit und Lüge, mit Realität und Fiktion spielt Eduardo Halfon ganz bewusst. Er kennzeichnet seine Texte unmissverständlich als autobiografische Literatur. In der ersten Person geschrieben, taucht zudem immer irgendwann der Realname des Autors auf. Und dann ist da der polnische Boxer, der Halfons Großvater im Konzentrationslager mit einem wichtigen Hinweis das Leben gerettet hat. Erfindet man sowas einfach so? Tatsächlich ist Eduardo Halfon Kind einer jüdischen Familie, doch nach der Lektüre ist man sich nicht mehr sicher, ob Halfons Großvater wirklich erlebt hat, was der Autor beschreibt. Die Geschichte mit dem polnischen Boxer und der eintätowierten fünfstelligen Nummer auf dem Unterarm des Großvaters, die der kleine Eduardo immer für eine Telefonnummer hielt, zieht sich jedenfalls wie ein roter Faden durch den ganzen Roman. Der Ich-Erzähler sieht sich hingegen als „Jude in Rente“, er ist ein Mensch, der seiner Herkunft müde ist. Umso obsessiver betreibt er eine Postkartenfreundschaft mit dem serbischen Pianisten Milan Rakić, der vollkommen davon überzeugt ist, als „Zigeuner“ zur Welt gekommen zu sein. Halfon beschließt sogar, den Musiker nach seinem (inszenierten?) Verschwinden in Belgrad zu suchen. Der narrative Raum spannt sich so von Guatemala über die USA bis nach Osteuropa.

Die zehn Runden, in denen der Roman erzählt wird, scheinen zu Beginn nur lose zusammenzuhängen, spätestens ab Runde vier wird klar, dass alles miteinander in Verbindung steht. An Einfällen fehlt es dem Autor dabei zu keinem Zeitpunkt, er stürzt sich voller Fabulierlust in Flirts und Liebesabenteuer, beschreibt seinen Trip nach Serbien als mystisch-melancholische Odyssee und kann selbst einen drögen Literaturkongress in ein hintergründiges Vergnügen verwandeln. Die Zweifel am Erzähler kommen erst nach und nach. Solch ein Gigolo, ein draufgängerischer Herzensbrecher, ein mit allen Wassern gewaschener Literatursnob, der sich immer bestens auskennt! Man kann sich richtig vorstellen, wie Halfon manche Zeile mit einem schelmischen Grinsen oder einem irren Kichern zu Papier brachte. Und dennoch ist alles wahr, ist alles Ernst, denn alles ist Literatur. Den Schlüssel dazu liefert Halfon selbst:

„Die Literatur ist bloss ein guter Trick, wie auch Zauberer und Hexer sie verwenden, um die Wirklichkeit vollständig erscheinen zu lassen, um vorzutäuschen, die Wirklichkeit sei eins und in sich abgeschlossen. Vielleicht muss die Literatur aber auch eine andere Wirklichkeit konstruieren, indem sie eine andere Wirklichkeit zerstört, anders gesagt, sie muss sich selbst zerstören, um sich anschliessend aus ihren eigenen Bruchstücken neu aufzubauen.“

Der Roman wird zum Spiegel, in dessen Scherben die Realität reflektiert wird und in dem sich der Autor sieht, ein Abbild, und doch real. Unverkennbar ist Eduardo Halfon von den großen Spielern der lateinamerikanischen Literatur, von Julio Cortazár und Roberto Bolaño beeinflusst. Wie bei diesen ist auch Halfons Schreiben Metaliteratur, aber ohne es die Leserinnen und Leser zu sehr spüren zu lassen. Erleben, Erinnerung, Erfindung – „Der polnische Boxer“ ist eine Einladung zum Nachdenken über das, was ein Roman ist oder was er sein soll und zugleich ein Stück amüsante, leichtfüßige, einnehmende, großartige Literatur.

Eduardo Halfon. Der polnische Boxer. Roman in zehn Runden. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen und Luis Ruby. 176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Hanser Verlag 2014. 18,90 Euro.

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