Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 5: J.G. Ballard

Seine Visionen wurden zu unserer Gegenwart: J. G. Ballards Literatur sprengte die Grenzen der Science Fiction, seine Dystopien sahen das 21. Jahrhundert voraus. Doch sechs Jahre nach seinem Tod ist Ballards facettenreiches Werk hierzulande aus den Regalen der Buchhandlungen verschwunden.

Fast zweitausend Menschen leben in dem neu gebauten Appartmentblock, der mit den jüngsten Errungenschaften der Technik und Innenarchitektur ausgestattet ist. Es gibt Hochgeschwindigkeitsaufzüge und einen hypermodernen Supermarkt. Auch eine Schule findet sich auf einem der Stockwerke, und in den oberen Etagen befinden sich mehrere Schwimmbäder. Deren Benutzung führt jedoch zu Streitigkeiten zwischen einigen Mietparteien. Die Konflikte eskalieren und werden immer gewaltsamer. Die Gemeinschaft zwischen den gerade erst eingezogenen Bewohnerinnen und Bewohnern zerfällt, es bildet sich eine Hackordnung heraus: wer weiter oben wohnt, hat das Sagen, die Mieter der untersten Stockwerke werden zur Unterschicht erklärt und verlieren weitgehend ihre Rechte. Alle kämpfen gegen alle, die Welt in dem Hochhaus wird immer hermetischer. Kaum noch jemand verlässt das Gebäude, selbst, als es erste Todesopfer zu beklagen gibt, holt niemand Hilfe von außen…

Vorläufiges Filmplakat für "High Rise".
Vorläufiges Filmplakat für „High-Rise“.

Diese pessimistische Parabel mit dem Titel „High-Rise“ über die hauchdünne Schicht, die Zivilisation und Barbarei voneinander trennt, bringt der britische Regisseur Ben Wheatley im Laufe dieses Jahres in die Kinos. Mit Tom Hiddleston, Sienna Miller und Jeremy Irons wird der Film starbesetzt sein, ob solch eine Dystopie ein großes Publikum erreichen wird, bleibt abzuwarten. Hierzulande besteht immerhin die Chance, den Schriftsteller J. G. Ballard, auf dessen gleichnamigem Roman der Film beruht, wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück zu bringen. Was bitter nötig wäre, denn Ballards Bücher sind momentan fast ausschließlich antiquarisch und zudem in betagten Übersetzungen erhältlich.

In der englischsprachigen Welt war James Graham Ballard (1930 – 2009) nie verschwunden, er zählt zu den wichtigsten britischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst 18 Romane, unzählige Kurzgeschichten sowie eine Autobiografie. Ursprünglich der Science Fiction zugerechnet, sprengte Ballards Werk bald die Grenzen dieses Genres. „High Rise“ (1975 erschienen, in deutscher Übersetzung als „Hochhaus“ oder „Der Block“ veröffentlicht) ist ein gutes Beispiel dafür. Zwar scheint die Handlung in der nahen Zukunft zu spielen, technische Innovationen vermitteln zumindest diesen Eindruck, aber bei näherer Betrachtung ähnelt diese Zukunft der Gegenwart mehr als einem lieb ist. Anders als viele seiner SF-Kolleginnen und -Kollegen ist Ballard wenig an wissenschaftlichen Hypothesen und Fantasien – also an dem „Science“ in Science Fiction – interessiert. Bei ihm steht der Mensch im Mittelpunkt.

Schon in seinen frühen Werken, die sich häufig mit Katastrophenszenarien beschäftigen, formulierte Ballard die Frage: wie verhält sich der Mensch unter extremen Bedingungen? Was bleibt von den humanistischen Werten übrig, wenn sich der gesellschaftliche Rahmen durch Naturereignisse, Kriege oder die Folgen menschlichen Zusammenlebens wie Technisierung und Urbanisierung verändern? J. G. Ballard hat die Entmenschlichung, die sich hinter der Fassade der Moderne finden lässt, früh am eigenen Leib kennengelernt. Als Sohn britischer Eltern in Shanghai geboren, wurde er im Kindesalter während der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg in einem Lager interniert. Zwei Jahre verbrachte Ballard mit seiner Familie in diesem Lager, eine Zeit, die er nicht nur in dem autobiografischen Roman „Empire Of The Sun“ („Das Reich der Sonne“, 1987 von Steven Spielberg verfilmt), sondern auch in vielen Kurzgeschichten verarbeitete.

Neben Ballards dystopischer Perspektive, der man zugleich einen humanistischen Pessimismus zuschreiben könnte, beeindrucken die Szenarien, die er in seinen Büchern entwirft. Außer Philip K. Dick hat kein anderer Science Fiction-Autor so vielfältig und schon vor Jahrzehnten die Probleme unserer Gegenwart vorausgeahnt, seien es Klimaerwärmung („The Drowned World“ von 1962, deutsch: „Karneval der Alligatoren“), Massentourismus als Eskapismus („Having A Wonderful Time“ 1982), Vereinzelung durch Medien („Intensive Care Unit“ 1982, deutsch: „Familienglück“), der Lärm („Der Klangsauger“ 1960) oder die Vereinzelung in der Großstadt („Concrete Island“ 1973, deutsch: „Die Betoninsel“). Der Roman „Crash“ (1973, später von David Cronenberg verfilmt) schuf eine unheimliche Verbindung zwischen Autounfällen und sexueller Erregung; er stellte die Frage, wie der Mensch als Instinktwesen durch Technik beeinflußt wird. In seinem Spätwerk setzte sich der Autor zudem mit dem Einfluss, den Konsum und Kapitalismus auf die menschliche Gemeinschaft haben, intensiv auseinander – in Krisenzeiten aktueller denn je.

Diese beiden Hauptzutaten, seine beinahe seherischen Fähigkeiten und seine bitteren, aber im Kern humanistisch geprägten Dystopien, machten J. G. Ballard über die Grenzen der Literatur hinaus zu einem wichtigen Einfluss auf andere Künstlerinnen und Künstler. Wie schon erwähnt wurden mehrere seiner Werke verfilmt, Ballards Ideen schlugen sich aber auch in der bildenden Kunst und in der Popmusik, vor allem im New Wave und Industrial, nieder. Bands wie Joy Division, The Human League oder Throbbing Gristle nannten Ballard als wichtige Inspirationsquelle.

Letzte Neuübersetzung: "Wunder des Lebens", Ballards Autobiografie (Edition Phantasia 2011)
Letzte Neuübersetzung: „Wunder des Lebens“, Ballards Autobiografie (Edition Phantasia 2011)

Im deutschsprachigen Raum wird immer noch sehr stark zwischen „ernsthafter“ Literatur und Genres wie Science Fiction unterschieden. Ein Autor wie J. G. Ballard passt da nicht ins Bild. Entsprechend geht der Blick ins Leere, wenn man in einer Buchhandlung nach seinen Büchern sucht. Da stehen inzwischen die gesammelten Werke von Kollegen wie Philip K. Dick (erst vor kurzem in die Fischer Klassiker-Reihe aufgenommen, eine Art Ritterschlag), Stanislaw Lem oder den Strugatzki-Brüdern in neueren Editionen, aber um den einflussreichen Briten hat sich noch niemand gekümmert. Vor einigen Jahren zeigte sich der kleine Bellheim Verlag mit seiner Edition Phantasia bemüht und übersetzte sogar das eine oder andere Buch neu, die wichtigsten Werke Ballards liegen aber in den Archiven von Heyne und Suhrkamp begraben.

Zugegeben, einige der alten deutschen Ausgaben sind leicht antiquarisch zu bekommen. Aber das Lesen ist nicht immer ein Genuss. Besonders den Heyne-Ausgaben ist anzumerken, dass Science Fiction in den 1970ern schnell und manchmal schlampig übersetzt wurde. Literarischen Qualitätsstandards entsprechen diese Übertragungen nicht. Es wäre also etwas Arbeit und vor allem Sorgfalt nötig, um J. G. Ballards Werk dem deutschsprachigen Publikum von heute neu und zeitgemäß zu präsentieren. Ob der Kinofilm „High Rise“, der im November anlaufen soll, diese Welle lostreten könnte, bleibt fraglich. Die Verlagsvorschauen für den Herbst zumindest zeigen keine Anzeichen einer „Ballardmania“ auf dem Buchmarkt.

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5 Gedanken zu „Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 5: J.G. Ballard

  1. Wie schön, dass Du hier eine Bresche für Ballard schlägst – und in diesem Zusammenhang das Misstrauen des hiesigen Literaturbetriebs gegenüber Schriftstellern, die die Genregrenzen zum Phantastischen oder zur Science Fiction hin auflösen, ansprichst. Ich bin gelegentlich über Ballard gestolpert und habe ihn dann jedes mal wieder völlig aus dem Blickfeld verloren, obgleich mir geschwant hat, dass ich da etwas sehr Spannendes verpasse. Allmählich sollte vielleicht durch die Erfolge eines Dietmar Dath oder Leif Randt auch eine Neubetrachtung von Ballard für Verlage und Feuilleton ganz interessant sein?

    1. Ja, letzteres hoffe ich auch. Als Dietmar Dath auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, dachte ich: jetzt könnte was passieren! Das ist aber auch schon wieder ein paar Jahre her, neben Leif Randt gab es ja inzwischen auch SF-Bücher von Reinhard Jirgl oder Ernst-Wilhelm Händler. Ich denke, dass Autorinnen und Autoren viel weniger Berührungsängste haben wie die Literaturkritik…

  2. Da ich in meinem Blog immer mal wieder an die „Vergessenen“ denke, hat mich dein gelungener Ballard-Artikel besonders gefreut. Kaum zu glauben, dass High Rise noch verfilmt worden ist, da bin ich sehr gespannt. Ich habe bei mir noch das Suhrkamp Exemplar „Hochhaus“ aus der Phantastischen Bibliothek stehen, welche seinerzeit der ebenso phantastische Professor Franz Rottensteiner betreute. Die Übersetzung war für mich ok.
    Danke für diesen interessanten Beitrag, du hast Ballards Werk in deiner Beschreibung sehr gut eingeordnet und getroffen, finde ich. Und ich habe Neues erfahren.
    Beste Grüße
    herbertsteib

  3. Aber daß ein Verlag wie Suhrkamp Ballard aufgelegt hat, spricht doch eigentlich gegen die Annahme, die deutsche Verlagslandschaft tue sich mit dem Genre der SF schwer? Und es gibt doch seit Jules Vernes, Gustav Meyrink oder H. G. Wells zahlreiche der SF zugeschlagene Werke, die als Klassiker der Weltliteratur gelten.

    Die Übersetzungen ins Deutsche sind allerdings auch in den bei Suhrkamp erschienenen Werken, naja, verbesserungswürdig. Ballards Sprache hat wirklich besseres verdient.

    1. Danke für Deinen Einwurf, nur leider ist das Engagement von Suhrkamp für SF schon 30 Jahre her. Wahrscheinlich „braucht“ Ballard noch 50 Jahre, bis er in den Klassikerstatus erhoben wird…

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